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Nikolaus Lenau
Abendbilder

 
 
Friedlicher Abend senkt sich aufs Gefilde;
Sanft entschlummert Natur, um ihre Züge
Schwebt der Dämmerung zarte Verhüllung, und sie
    Lächelt, die holde;
 
5Lächelt, ein schlummernd Kind in Vaters Armen,
Der voll Liebe zu ihr sich neigt; sein göttlich
Auge weilt auf ihr, und es weht sein Odem
    Über ihr Antlitz.
 
 
 
Stille wirds im Walde; die lieben kleinen
10Sänger prüfen schaukelnd den Ast, der durch die
Nacht dem neuen Fluge sie trägt, den neuen
    Liedern entgegen.
 
Bald versinkt die Sonne; des Waldes Riesen
Heben höher sich in die Lüfte, um noch
15Mit des Abends flüchtigen Rosen sich ihr
    Haupt zu bekränzen.
 
Schon verstummt die Matte; den satten Rindern
Selten nur enthallt das Geglock am Halse,
Und es pflückt der wählende Zahn nur lässig
20    Dunklere Gräser.
 
Und dort blickt der schuldlose Hirt der Sonne
Sinnend nach; dem Sinnenden jetzt entfallen
Flöt und Stab, es falten die Hände sich zum
    Stillen Gebete.
 
25(1822-25)






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